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20 Jahre nach Jan Ullrich: «Nachfolger nicht in Sicht»

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Berlin – Vor genau 20 Jahren war ein netter, junger Mann mit Sommersprossen verantwortlich für das Sommermärchen des Radsports. Jan Ullrich, der 1997 als erster deutscher Radprofi die Tour de France gewann, verzückte die Nation.

Der Boom hielt neun Jahre – dann folgte der abrupte Absturz. Ullrich wurde 2006 wegen Doping-Verdachts, der nach langem Rechtsstreit erst 2012 zu einer zweijährigen Sperre durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS führte, vom angehimmeltem Popstar auf zwei Rädern zur persona non grata. Deutschland brauchte lange, um sich von diesem Schock zu erholen – und hat es noch immer nicht hundertprozentig geschafft.

Die Generation Marcel Kittel, John Degenkolb und Tony Martin schaffte es immerhin, dass außerordentliche Leistungen nicht mehr argwöhnisch hinterfragt wurden. Aber so hoch die Erfolge der aktuellen Topfahrer – André Greipel gehört auch dazu – bei Klassikern oder in den Tageswertungen der großen Rundfahrten auch einzuordnen sind: Ein Siegaspirant für die Tour ist hierzulande nicht anzutreffen. «Ein Nachfolger ist nicht in Sicht», sagte Ralph Denk, der als Teamchef von Bora-hansgrohe ein glückliches Händchen mit dem Nachwuchs hat.

Aber das Phänomen kennt auch die Radsport-Nation Frankreich, Gastgeber für das größte Rennen der Welt: Bereits seit 1985 wartet die «Grande Nation» schmerzlich auf einen Nachfolger des fünfmaligen Toursiegers Bernhard Hinault.

«Nicht umsonst wurde im Fall Ullrich – unabhängig von allem, was da war – von einem Jahrhundert-Talent gesprochen. Um Kandidat für einen Toursieg zu sein, braucht es zuerst herausragendes Talent, dann den unbedingten Willen, das richtige Umfeld, Gesundheit, ein starkes Team – und natürlich auch das nötige Glück. Diese Kombination ist sehr selten», nannte Ralph Denk ein Anforderungs-Profil.

Der Manager des Bora-hansgrohe-Teams mit dem Aushängeschild Peter Sagan macht sich seit Jahren verdient um den deutschen Nachwuchs. Der 24 Jahre alte Emanuel Buchmann, zuletzt Siebter beim hochklassig besetzten Critérium du Dauphiné, ist für Denk am weitesten und hierzulande das größte Talent als Klassementfahrer.

«Wenn alles optimal läuft, er in der richtigen Fluchtgruppe ist, könnte er vielleicht mal ins Gelbe Trikot fahren. Aber ein Toursieg – das ist etwas ganz anderes.» Im Vorjahr landete der Ravensburger bei seiner zweiten Tour de France-Teilnahme auf Rang 21. «Einen à la Ullrich sehe ich zur Zeit nicht», sagte Denk.

Fotocredits: Patrick Seeger
(dpa)

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